Erlebnispädagogik – Leben und Lernen in der Natur

Ich war am Wochenende seit Langem mal wieder im Urwald unterwegs. Leider nicht in den lianenbewachsenen Mangrovenwälder Vietnams, aber auch Deutschland besitzt faszinierende Waldgebiete, ganz ohne menschliche Einwirkung. Hier sieht man eindrücklich, wie „wild“ ein echter deutscher Wald aussieht. Mein Tipp: Eine Moutainbikefahrt im Urwaldsteig Edersee über Stock und Stein, auf umgefallenen Bäumen balancierend, durch dichte Rotbuchentäler! Das ist Natur und Abenteuer pur – inmitten von Hessen.

Ich war diesmal aber nicht zum Urlaub hier. Im Nationalpark Kellerwald und westlich vom Edersee gelegen, hat die Sportjugend ein Erlebniscamp inklusive Kanubucht, Kletterpark und Bogenschießanlage errichtet. Diesmal führte ich mit 6 anderen Kollegen ein Teamtraining durch. Unser Kunde war eine Zahnarztgemeinschaftspraxis, an drei Standorten und mit rotierenden Ärzten arbeitend, aber unter einer gemeinsamen Führung mit zentraler Verwaltung und angeschlossenem Labor. 50 Personen waren da, also bestehen Parallelen zu einem mittelständigen Unternehmen. Was kann die naturnahe Erlebnispädagogik diesen Stadtmenschen geben?

Der Trainingstag war detailliert durchgeplant. Unser Ziel war, dass die einzelnen Mitarbeiter sich mehr mit der Gesamtinstitution identifizieren, Verständnis für die besonderen Gegebenheiten der einzelnen Zahnarztpraxen entwickeln und die Eigenheiten von den weniger vertrauten Kollegen kennenlernen. Daher wurde die Mannschaft in Gruppen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen geteilt. Ich führte Team Banane an und schickte sie in meiner Station durch das Spinnennetz, eine klassische erlebnispädagogische Übung. Hierbei muss das Team seine Leistungsfähigkeit realistisch einschätzen, denn die Teilnehmer überqueren im Team nacheinander ein Seilgeflecht. Da wie beim heißen Draht jede Berührung bestraft wurde, war Geschicklichkeit, Koordination und im wortwörtlichen Sinne Sich-aufeinander-stützen erforderlich. So wurde der Vormittag mit einer Reihe von Kletter- und Vertrauensübungen, Geschicklichkeits- und Teamspielen verbracht, die für die eigentliche Aufgabe am Nachmittag vorbereiteten – dem Seifenkistenbau.

Die Praxisgemeinschaft wurde in vier Abteilungen eines Automobilherstellers eingeteilt. Es wurden 4 Modelle gebaut: Jeep, Kombi, Cabrio und Sportwagen. Am Ende sollte jedes Auto einzigartig designt sein, zudem gab es eine Enthüllungsshow und den TÜV-Test. Gekrönt wurde dies mit dem Zeitrennen. Jedes Team hatte zunächst die Aufgabe, Arbeitsrollen wie Cheftechniker, Gruppenleiter, Marketing oder Einkauf zu besetzen. Dazu gab regelmäßige Meetings für die Führungs- oder Fachabteilungen und jede Besorgung, ob Schraube, Farbe oder Stoffe musste mit dem am Vormittag verdienten Spielgeld gekauft werden. Am Ende, nachdem die Seifenkistenmodelle unter Zeitdruck konstruiert und präsentiert wurden, stand der Wettkampf an. Ein Rennen um jede Hundertstelsekunde, sogar mit halsbrecherischem Überschießen der Ziellinie. Eine der Motorhauben fiel der Gartenbestuhlung zum Opfer – Firmenlogo (natürlich ein Zahn) kaputt, aber Podest erklommen! Die obligatorische Siegerehrung mit Sektregen wurde dadurch erst recht zum großen Spaß für alle.

In der allgemeinen Heiterkeit schaue ich mit einem schmunzelnden Auge auf die Menge. Vordergründig bereiteten wir einer Ärztegruppe ein schönes Unterhaltungswochenende. Hinter dem Spaß steht jedoch ein pädagogisches Konzept, das den Teilnehmern neue Kompetenzen verleiht. Da ist die Organisation mit Ärzten, Arzthelfern, med.-techn. Assistenten und Labortechnikern, für die Themen wie Vertrauen, Qualitätssicherung, Zuverlässigkeit und Arbeitsmotivation sehr wichtig sind. Durch eine handlungsorientierte Simulation wird schnell deutlich, wo Lernbedarf besteht. Da fordert ein Chef kreative Lösungsideen von seiner Mannschaft, merkt aber nicht, dass er durch seine Dominanz und Redeanteil eine produktive wie kreative Beteiligung seiner Untergebenen unterbindet. Da lernt ein Zahntechniker, dass die Rolle des Technikchefs das Delegieren und Motivieren seiner Hilfstechniker beinhaltet und wie schnell man selbst durch eine neue Aufgabe überfordert ist. Da muss ein anderer Teamchef feststellen, dass die Menge an Aufgaben ohne richtige Priorisierung die ganze Mission gefährdet und viel Zeit z.B. in Meetings vergeudet wird. Und manch einer merkt, dass die anfangs von ihm gewählte Rolle am Ende gar nicht zu seinen Stärken passt. Wer mag schon vor einer Gruppe ein Verkaufsgespräch führen, wenn er lieber lackieren möchte? Eindrucksvoll fand ich, wie positiv sportlicher Ehrgeiz sich auswirkt, denn Anerkennung und Bewunderung sind für uns zwei sehr hohe Motivationsanreize. Natürlich sollte es auch hier Grenzen geben, denn sonst führt Siegermentalität zum ausschließenden Abteilungsdenken, das zu Lasten der gemeinsamen Firmenidentität geht. Dies wiederum ist gelebter Alltag vieler Firmen, wenn man das große Ganze aus den Augen verliert.
Es war ein schöner Tag. Erlebnispädagogik, davon bin ich überzeugt, ist wirksam durch seinen Ernstcharakter und der besonderen Lernumgebung. Realitätsnahe Simulationen, wenn auch nicht am beruflichen Kontext orientierend, geben den Teilnehmern die Möglichkeit, Fähigkeiten auszuprobieren und Werte zu überdenken. Und wenn in einer Diskussion über Fehlerkultur konkrete Maßnahmen für eine vertrauensvollere Zusammenarbeit entstehen, hier durch ein anonymisiertes Fehlermeldesystem für die Kronenherstellung, dann bin ich sehr zufrieden mit der Lernmethode.

Herzlichts,

Euer Minh

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